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23.03.2020
Flechten: Schönheiten im Nationalpark
Flechten: Geheimnisvolle Schönheiten im Nationalpark
Fachleute machen bemerkenswerte Entdeckungen auf Borkum – unter 70 gefundenen Arten auch zwei Erstnachweise für die Insel – Nationalpark bewahrt die biologische Vielfalt
Im Vorfrühling zeigt sich die bunte Vielfalt der Pflanzen- und Tierwelt im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer noch nicht in voller Pracht. Aufmerksame Beobachter können jedoch ganz besondere Lebewesen entdecken, die ganzjährig mit einer reichen Formen- und Farbenvielfalt präsent sind und darüber hinaus eine wichtige Rolle im Ökosystem spielen: Flechten. Im Rahmen eines Workshops haben Fachleute die Flechtenwelt der Insel Borkum untersucht und dabei erstaunliche Entdeckungen gemacht. Eine kleine Sensation war der Erstnachweis des Hamsteröhrchens (Normandina pulchella) für die Insel Borkum. Diese nur wenige Millimeter kleine, versteckt im Moos lebende Art ist laut Roter Liste vom Aussterben bedroht. Insgesamt wurden binnen zwei Tagen etwa 70 Flechtenarten auf der Insel gefunden.
Flechten gehören weder zu den Pflanzen noch zu den Tieren, sie sind Zwitterwesen aus Pilzen, die eine Lebensgemeinschaft (Symbiose) mit Algen bilden. Diese Partnerschaft ist seit geschätzt 220 Millionen Jahren eine Erfolgsstory. Die Flechten können Wasser und Nährstoffe direkt aus der Luft aufnehmen. Algen betreiben (wie Pflanzen) Photosynthese und liefern Zucker, den Pilze nicht selber produzieren können. So doppelt gewappnet können Flechten extreme Lebensräume besiedeln, in die keiner der beiden Partner allein vordringen könnte. Man findet sie in Wüsten und Halbwüsten ebenso wie im Hochgebirge, in der arktischen Tundra und in der Antarktis. Auch die Ostfriesischen Inseln sind durch Lebensraumtypen geprägt, die ihren Bewohnern besondere Überlebensstrategien zwischen Trockenheit und Überflutung, Wind, Sonne und Salz abverlangen.
Unter Leitung der Arbeitsgemeinschaft Flechtenschutz Nordwestdeutschland (Wilhelm Linders, Thomas Homm, Karsten Mohr und Tia Wessels) untersuchten Mitarbeitende der Nationalpark-Verwaltung zusammen mit einigen naturkundlich interessierten Insulanerinnen und Insulanern die Flechtenflora der Insel an mehreren Standorten im Gelände und auch im Stadtgebiet. Neben Bestimmungsübungen und Biologie und Aufbau von Flechten wurden auch Aspekte des Naturschutzes sowie die Indikatorfunktion von Flechten für die Veränderung von Umweltbedingungen (z. B. Klimawandel) behandelt.
Flechten sind sensible Zeigerorganismen. Waren es früher in erster Linie Emissionen der Energiegewinnung („Saurer Regen“, verursacht durch Schwefeloxide), die das Artenspektrum von Flechten und deren Vitalität bestimmten, spiegeln sie heute besonders die Stickstoffeinträge der intensiven Landwirtschaft und des Verkehrs sowie Veränderungen infolge der globalen Erwärmung wieder. Ein solcher Wärmezeiger ist die beim Workshop entdeckte Anliegende Schwielenflechte (Hyperphyscia adglutinata), die sich in den vergangenen Jahren in den Niederlanden schnell ausgebreitet hat und inzwischen im Nordwesten angekommen ist. Auch andere wärmeliebende Arten breiten sich auf Borkum rasant aus.
Neben dem bereits erwähnten Hamsteröhrchen gelang im Rahmen des Workshops mit der Limonen-Zeichenflechte (Alyxoria viridipruinosa) ein weiterer Erstnachweis für Borkum. Diese erst vor wenigen Jahren beschriebene Zeichenflechtenart wurde auf den anderen Inseln bislang nicht nachgewiesen. Solche Funde begeisterten wegen ihrer Schönheit im Kleinen nicht nur die Experten der Flechtenkundlichen Arbeitsgemeinschaft, sondern auch die teilnehmenden Borkumerinnen und Borkumer.
Spannend waren auch die Funde im Stadtgebiet. So beherbergt der Alte Leuchtturm, das älteste Gebäude der Insel, gefährdete, seltene Flechten wie die Kalk-Fleckflechte (Arthonia calcarea, „Mauerschriftmoos“), die es zu bewahren gilt, was durch behutsame Sicherung der Mauer gelungen ist. Die Graue Burgenflechte (Diploicia canescens, niederländisch „Kaugummimoos“), eine überwiegend selten auftretende Art, bildet im alten Ortskern auf Baumrinde, Mauern und vor allem den alten Walknochen reiche Bestände. Nach derzeitiger Kenntnis stellen die Vorkommen auf Borkum den größten Bestand in Nordwestdeutschland dar.
Die Flechtenflora der Insel hält zweifellos noch viele Überraschungen bereit, die im Rahmen eines kurzen Wochenendes nicht gefunden werden konnten.
Im Ergebnis zeigte sich, dass der Nationalpark für die Bewahrung der Biodiversität eine unverzichtbare Rolle spielt. Diese Bedeutung wird noch zunehmen, da Sonderstandorte wie Magerrasen und Dünen im Nordwesten außer auf den Inseln vollständig verschwunden sind. Auch feuchte Weidengebüsche können bedeutsame Standorte für Flechten sein. Darüber hinaus fördert auch die Bewahrung der gewachsenen Kulturlandschaft einschließlich der historischen Siedlungsbereiche unsere Flechten-Vielfalt. Somit ist nicht nur der Nationalpark, sondern auch das Biosphärenreservat ein wichtiges Instrument für Schutz und Erhalt der Biodiversität.
Eine Auswahl eindrucksvoller Nahaufnahmen von den Flechtenfunden auf Borkum haben wir in einer Galerie zusammengestellt.
Eine vollständige Bestandsaufnahme der Flechten auf den Ostfriesischen Inseln von 2010 gibt es hier als Download, darunter auch ein Teilbericht von Baltrum.

Autor: Sabine Hinrichs
Foto: Hinrichs
Quelle: Nationalpark-Verwaltung Niedersächsisches Wattenmeer
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