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10.07.2020

Der Spatz


Spatz – Haussperling (Achtung: FSK 18 Jahre!)

 

Spatzen sind so lange bekannt, dass bereits der Begriff „sparwa“ für den Spatz aus dem Gotischen überliefert ist. Allerdings ist Spatz der alte Name, man nennt ihn heute Haussperling. Wissenschaftlich heißt er Passer (lat. für Sperling) domesticus (lat. häuslich) – dies weist auf die enge Beziehung zum Menschen hin. Haussperlinge brüten an Häusern, gerne in Mauerlöchern oder in Schlupfwinkeln unter dem Dach.

 

Spatzen sind Kulturfolger: Vor 8.500 Jahren brachten die Einwanderer aus Vorderasien den Ackerbau nach Mitteleuropa und eröffneten damit ungeahnte Möglichkeiten für die Haussperlinge. Sie lieben Getreidekörner (macht ca. drei Viertel der Nahrung aus), die früher, wenn auf den Bauerhöfen gedroschen wurde, reichlich anfielen. Sie mögen auch bereits vorverdaute Körner aus Pferdeäpfeln, weshalb die Umstellung von Pferdekutsche auf Autos eine große Herausforderung für Haussperlinge war. Wie gut, dass die Insel Baltrum auf Pferdestärken setzt!

 

Haussperlinge sind clever: Sie stehen im Rüttelflug vor dem Bewegungsmelder einer Bistrotür, damit diese sich öffnet und andere Spatzen drinnen speisen können. Oder sie hüpfen gleich auf dem Tisch herum und essen mit. Frechheit siegt!

 

Kein Wunder, dass den Auswanderern nach Amerika „ihre“ Haussperlinge fehlten und sie 1851 welche nach Amerika mitnahmen. Allerdings entwickelten sie sich dort recht schnell zur Plage…

 

 

Kennzeichen

 

Haussperlinge sind robust gebaut, der Körper wirkt breit und durch häufiges Aufplustern wirken sie oft struppig. Sie werden 14 bis 16 Zentimeter lang, haben eine Flügelspannweite von 21 bis 24,5 Zentimeter und ein Gewicht von 30 Gramm (das ist etwa so viel wie eine Scheibe Toastbrot). Sie können bis zu 19 Jahre alt werden.

Die Männchen haben ein tolles Prachtkleid: Kehle, Augenregion und Schnabel sind schwarz, der graue Scheitel, die Kopfseiten kastanienbraun gefärbt. Die Weibchen sind unscheinbarer, eher düster bräunlich – grau, mit hellem Überaugenstreif.

 

 

[männlicher Haussperling, etwas struppig von der Jungenaufzucht]

 

Männchen mit viel schwarz an der Brust haben das Sagen und bessere Chancen bei den Frauen. Man sagt ihnen Sex-Sucht nach: Geßner schreibt im Jahre 1557 (Naumann anno 1824 ähnlich) „Dieser Vogel ist über die Maßen so unkeusch, dass er in einer Stunde 20 mal aufsitzt, oder des Tages 300 mal“. Nähere Analysen dazu haben ergeben, dass sich die Weibchen von breitbrüstigen Männchen mit kräftig gefärbten Lätzchen begatten lassen, dann aber für die Jungenaufzucht den unscheinbaren, fleißigen Ernährer auswählen, den Softie. Der Softie versucht dann, mit dem eigenen Sperma das Weibchen zu fluten, um zu sichern, dass es der eigene Nachwuchs ist, den er großzieht. Trotzdem sind bis zu 14 Prozent Kuckuckskinder…

 

Anders als die erwachsenen Haussperlinge brauchen die Küken Insekten als Kraftfutter – das ungewohnte Fangen von Insekten sieht bei den Alttieren entsprechend unbeholfen aus.

 

 

[Weibchen füttert Jungtier]

 

Was den Nestbau angeht, beschreibt man diesen als liederlich. Da die Haussperlinge kein Revier haben wie andere Singvögel, reicht ihnen ein halber Abstand zwischen den Nestern (was das Fremdgehen der Weibchen natürlich begünstigt).

 

Das Federkleid besteht aus 3.500 Federn und macht 5 Prozent des Körpergewichtes aus. Im Laufe eines Jahres gehen einige 100 Federn verloren, die übrigen werden im Flug oder durch Wind & Wetter abgenutzt. Das Federkleid wiegt nach einem Jahr nur noch zwei Drittel des Ausgangsgewichtes: Zeit für Erneuerung (Mauser). Zwischendrin baden sie gerne im Sand/Staub, um sich vor Federparasiten zu schützen. Daraus resultiert das gern genutzte Wort „Dreckspatz“.

 

Hier baden ein paar ganz junge Spatzen im Sand:

https://youtu.be/6ZBgghtdWwE

 

 

An dieser Stelle zwei Bitten:

 

1. Wenn aufgeregte Altvögel, egal welcher Vogelart, um Sie herumfliegen und lauthals rufen – halten Sie Abstand, die Tiere haben große Angst um ihren Nachwuchs, der sicher heranwachsen soll. Sie mögen ja auch nicht jeden Fremden in Ihrem Kinderzimmer!
2. Bitte auch keine vermeintlich allein gelassenen Jungvögel mitnehmen, um sie zu retten– die Eltern sind meistens in der Nähe und trauen sich nicht näher. Einfach ruhig weitergehen und aus der Ferne beobachten.

 


[junge Haussperlingsdame]

 

Im Namen der Vogelfamilien: Vielen herzlichen Dank für das Verständnis!

 

Zurück zum „Dreckspatz“. Im Sprachgebrauch zeigt sich die enge Verbundenheit des „Spatzen“ zu uns Menschen:

 

„Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach“ (wenn Sicherheit Vorrang hat)

 

„Mit Kanonen auf Spatzen schießen“ (wenn unsinniger Aufwand betrieben wird)

 

„Spatzenhirn“ (wer dumm scheint oder vergesslich ist)

 

„Die Spatzen pfeifen`s von den Dächern“ (offiziell längst bekanntes Gerücht)

 

„Sperlingsgasse“ war früher das Viertel der leicht käuflichen Damen.

 

„Die Chronik der Sperlingsgasse“ ist ein Roman von Wilhelm Raabe 1856. Dieser führte 1931 anlässlich des 100. Geburtstages von Raabe zur Umbenennung einer der vielen Spreestraßen in Berlin in Sperlingsgasse. Raabe hatte dort während seines Studiums gewohnt.


Sängerin Edith Piaf hieß „Spatz von Paris“: Die Chansonette kam aus der Gosse und wurde berühmt – sie ließ sich nicht unterkriegen, genau wie unsere Überlebenskünstler, die richtigen Spatzen (Haussperlinge)!


In der bekannten Filmreihe „Fluch der Karibik“ heißt der sagenumwobene Kapitän Jack Sparrow (sparrow ist das englische Wort für Spatz).


Spatzen sind „nudelig“: Die italienische Pasta kommt evtl. von passer (lat. für Sperling) – das reicht hin bis zu den schwäbischen Spätzle.


Unglaublich, was sich hinter etwas Unscheinbar-Alltäglichem verstecken kann!

 

 

Genießen Sie die Spaziergänge durch den Ort und die Natur Baltrums – es gibt noch so viel zu entdecken!

 

Ein sonniges Wochenende wünscht das Nationalpark-Haus Team


 

 

 


Autor: Sabine Hinrichs
Fotos: Karen Kammer
Quelle: Karen Kammer, Nationalpark-Haus Baltrum