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03.06.2026

Grandiose Premiere: Tjark.


Standing Ovations für die Inselbühne Baltrum

 

 

Am vergangenen Mittwoch feierte die Inselbühne Baltrum eine ganz besondere Premiere. Tjark, das Schauspiel aus der Feder zweier Baltrumer Autoren über eine Baltrumer Geschichte, über DIE Baltrumer Geschichte. Das Schicksal des Tjark Honke Evers, der am Abend vor Weihnachten im Nebel versehentlich auf einer Sandbank statt am Strand ausgesetzt wurde und ertrinken musste, ist weltbekannt und lässt niemanden unberührt. Tjark hatte seine letzten Gedanken, die seiner Familie galten, in sein Schulfheft geschrieben, das er in einer Zigarrenkiste dem Meer übergab. Die Zigarrenkiste samt Inhalt wurde gefunden, sein Leichnam nie.

 

Uwe Friedrich hat langjährige Inselbühnen-Erfahrung, Winfried Picard ist Schriftsteller und Inselkenner. Sie sind im Stück „Auf hoher See“ aufeinandergetroffen... und das Schicksal nahm seinen Lauf, könnte man sagen, aber das wäre zu profan. Durch vielfältige Inspiration haben die beiden Doctores im Zusammenspiel ein Stück entwickelt, das das Schicksal des jungen Seefahrtschülers auf so eindrucksvolle Weise und klug auf die Bühne bringt, dass es dem Publikum in die Glieder fährt und ein um das andere Mal den Atem stocken lässt.

Man weiß ja, worauf man sich bei dieser traurigen Geschichte einlässt, das ist das Glück, man ist gewappnet. So hatte Bürgermeister Harm Olchers als Begrüßung am Premierenabend das Publkum auf Plattdeutsch eingestimmt, noch bevor der Vorhang aufging. Dann erklang ein melancholisches Cello – und es wurde mucksmäschenstill im ausverkauften Saal.

Martin Heinkelein begleitete auf seinem tiefen Saiteninstrument das gesamte Bühnenstück im Hintergrund und sorgte für fließende Übergänge, Denkpausen, Kunstpausen! Und mit seinem einfühlsamen Spiel für eine weitere Dimension, die den Bilder, die sich entspannen, eine abgründige Tiefe verliehen.

 

Die beiden Autoren hatten mehrere Kunstgriffe im Ärmel: Sie verbanden auf ganz geschickte Weise die Sage um „Witte Aaland“ mit der „Gechichte von der Zigarrenkiste“. Das weiße Eiland, die weiße Insel ist der Sage nach eine geheimnisvolle Toteninsel im friesisch-ostfriesischen Raum— ein Ort, der auf keiner normalen Seekarte liegt. „De Fahrt na’t Witte Aaland“ wird der hiesigen Überlieferung nach hinter Baltrum verortet. Mit den Seelen dort hinter dem Geschehen füllt das Autorenduo nicht nur die Bühne, sondern beseelt die Geschichte von Anfang an – es liegt immer etwas Mystisches im (Zuschauer-)Raum. Uwe Friedrich hat Regie geführt und seine Darstellerinnen und Darsteller zur Höchstform auflaufen lassen.

 

Schon beim Abschied in der Seefahrtsschule in Timmel weist der Lehrer auf die besonderen Gefahren des Wattenmeeres hin, doch Tjark Evers ist der Klassenbeste, sodass er sich nicht allzuviele Sorgen um sein Heimkommen machen muss. Peter Scheutwinkel hat ein schönes Bühnendebut und führt mit dem ersten Bild in der Schule sicher und unbeschwert in das Geschehen ein.

 

Das Pastorenehepaar Enno und Jeke Kittel sind die sich bekabbelnden Protagonisten um das Thema Glaube und Aberglaube. Der Pastor mache es sich leicht, er habe nur Religion gelernt und könne sich an seine Wissenschaft halten, während der Rest der Inselbevölkerung durchaus mit ihren Gesichtern und der Spökenkiekerei zurecht kommen müsse... Ein schöner, wunderbarer Schlagabtausch zwischen Johannes Heiber (im echten Leben auch Pastor) und Eva Friedrich – und eine Hinführung in die ambivalente Seelenwelt der Inselbevölkerung.

 

Erst kommt eine Szene am Festland, wo der junge Tjark (Denis Metz) beim Wirt (Udo Bengen) vor der Überfahrt einen Schlafplatz sucht und dort auf Jan (Leiff Schönyan)  trifft, jenem Schiffer aus der Familie der angeblichen Seelenfahrer. In der Kneipe hinter dem Deich entspinnt sich eine lustige Debatte um die Seefahrt an sich und die Wattenseefahrt im Besonderen, und der Wirt kann eindrucksvoll belegen, dass es auch andernorts witte Aaländer gebe, da hießen sie nur anders, nämlich Fiddlers Green, und zack! da ist er, der Ohrwurm, der den ganzen Abend weiterläuft... Udo singt ihn natürlich eindrucksvoll, irgendwann summen sowieso alle mit.

 

Nun, nach der Pause, sind wir am vierten Advent in der Stube der Familie Evers, die auf ihren Sohn Tjark zu Weihnachten hofft. Vater Honke Evers und seine Frau Trientje ergänzen sich ebenso wie das Pastorenehepaar: Der eine sieht alles pragmatscih, die andere hört auch auf ihre innere Stimme. Egbert Behrends ist ein echter Seemann und natürlich liebenswert authentisch bei seiner Bühnenpremiere. Simone Ulrichs transportiert das echte Inselgefühl und die echten Sorgen einer Mutter. Ihre beiden Freundinnen, Hebamme Gesche (Christa Picard) und Pastorenfrau Jeke (Eva Friedrich) plaudern aus dem Leben der Insulanerinnen (kleine, wahre Geschichten!) und sind dabei, als dunkle Vorahnungen Trientje packen... 

 

Und dann erleben wir, wie es Tjark geht, auf dem Meeresgrund, bei steigendem Wasser....

 

Es ist besonders der großartigen Schauspielkunst von Simone Ulrichs und Denis Metz

zu verdanken, dass das Stück nie abgleitet ins Wehleidige, Weinerliche oder gar Kitschige, sondern stringent bis zum bitteren Ende durchzieht. Dass die Hauptdarstellerin und der Hauptdarsteller mit ihrer beeindruckenden Souveränität eine enorme Zuvbersicht ausstrahlen, hilft über alles Schwere hinweg und spendet großen Trost. Einen großen Anteil daran hat auch die musikalische Begleitung, die im Schlussakt von allen, den Lebenden wie den Toten (den Seelen, wunderbar ruhig Eva Bach, Michaela Moschner, Markus Neumann, Anita Schneider und Ira Ulrichs) mitgetragen wird. Der Musiker und Chorleiter Ulf Pankoke hat eine enorme Wirkung mit der Zusammenstellung der Stücke und deren Kontinuum entfaltet und trug nicht unmaßgeblich zum Erfolg dieser Aufführung bei.

 

Die Souffleuse wurde selten gebraucht, war aber auf Zack. Auch für Sophie Schwarz ist dieses Jahr das erste bei der Inselbühne. Das Technik-Duo Claudia Eichholz und Stephan Moschner sorgten einfühlsam für guten Ton und stimmungsvolles Licht. Und schließlich hat Maskenbildnerin Bärbel Nannen die Gesichter gut geschminkt, den einen jünger gemacht den anderen älter und einige Haare ergrauen lassen.

Es gab zur Premiere Blumen und Lob vom Kultur- und Sportverein, die Vorsitzende Carolin Mennen war wie alle überwältigt.

 

Die wahre Geschichte von Honke Evers auf der Baltrumer Bühne.

Das nächste Mal am kommenden Mittwoch, dem 17. Juni 2026 um 20.30 Uhr.

Karten gibt es ab Donnerstag im Vorverkauf in der Schatzinsel und an der Abendkasse ab 20 Uhr.

 

Das Museum Altes Zollhaus zeigt die echte Zigarrenkiste und ihren Inhalt in einer Vitrine als Dauerleihgabe der Familie Evers für den Heimatverein Baltrum.


 

 

 


Autor: Sabine Hinrichs
Fotos: Sabine Hirnichs


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