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20.09.2019

Klima-Streik auf Baltrum


Baltrum for Future


„Wir müssen heute anfangen zu handeln“, forderte der stellvertretende Bürgermeister Dr. Uwe Friedrich am Freitagnachmittag auf Baltrum. „Wir werden es anpacken, dass Baltrum die erste CO2-neutrale Ostfriesische Insel wird!“ setzte er nachdrücklich das ehrgeizige Ziel, „damit Baltrum nicht untergeht!“ Wir müssten bei uns anfangen, und die Politik müsse jetzt die Rahmenbedingungen ändern, damit das Richtige getan werde. Er zeigte einige Beispiele auf, wo Baltrum als autofreie Insel und die Gemeinde auf einem guten Weg seien. Es könnten bereits Energie- und CO2-Einsparungen verzeichnet werden durch ein modernes und preisgekröntes Beleuchtungskonzept, das Blockheizkraftwerk, Solarkollektoren, Wärmerückgewinnung und Ökostrom. Die Baltrumer seien ebenfalls bewusst unterwegs, wenn auch in unterschiedlichem Tempo – doch das alles reiche nicht aus, es müssten auch weniger Ressourcen verbraucht werden, mahnte er. Die Tideabhängigkeit zwinge von Natur aus zur umsichtigen Planung, und das Sammeln und Wiederverwerten sei eine uralte Baltrumer Tradition, doch das sei nur ein Anfang, es sei noch viel zu tun. Dr. Uwe Friedrich sprach den Dank der Gemeinde an den Initiator, Wolf von Fabeck, und dessen Mitstreiterinnen und Mitstreitern vom derzeit auf der Insel tagenden Solarenergie-Förderverein Deutschland e.V. für die Organisation und Durchführung des Klima-Streiks "Baltrum for Future" aus.

Die bis dato größte Demonstration auf der kleinsten Ostfriesischen Insel brachte ein paar hundert Menschen auf die Straßen und mündete in einer Kundgebung auf dem Dorfplatz beim Rathaus. Der Klima-Tag auf Baltrum begann offiziell fünf vor zwölf mit dem Glockenläuten der evangelischen und katholischen Kirchen. Es gab eine Andacht in der ev. Kirche mit der Schöpfungsgeschichte und der Baltrumer Wertschätzung für die Natur im 10. Jubiläumsjahr des Weltnaturerbes Wattenmeer. Rund 70 Demonstrierende versammelten sich dann am Fähranleger, wo sie das ankommende Schiff und die anreisenden Gäste mit Liedern und Transparenten in Empfang nahmen. Am Nationalpark-Haus Baltrum wies Prof. Dr. Eberhard Waffenschmidt auf die Bedeutung des Umwelt- und Klimaschutzes besonders für die Insel und die Küste hin. Der Zug setzte sich in Richtung Strandmauer in Bewegung, wo Wolf von Fabeck daran erinnerte, wie die Küstenschutzbauwerke der Insel stetig erhöht werden mussten und was bei einem weiteren Anstieg des Meeresspiegel zu erwarten sei.

Die Leiterin des Nationalpark-Hauses, Karen Kammer, zeigte sich erfreut, dass sich eine – für Baltrumer Verhältnisse – so große Menschenmenge auf dem Dorfplatz zusammengefunden habe und die Wichtigkeit der Klima-Demonstration unterstreichen helfe. Die vielen Gäste und eher wenigen Insulaner auf dem Dorfplatz waren sich trotz ganz unterschiedlicher Hintergründe und verschiedener Ansätze doch sehr einig in dem Drängen, das sich an die Politik richten soll, was sich in jeweils großem Applaus manifestierte.

Prof. Dr. Eberhardt Waffenschmidt, Vorsitzender des Solarenergie-Fördervereins und Professor an der TH-Köln im Institut für Erneuerbare Energien CIRE richtete sich mit folgenden Worten an die Versammlung: „Ich bin kein Klima-Prophet. Ich bin Wissenschaftler. Und ich glaube nicht daran, dass die kommende Klimakatastrophe menschengemacht ist: Ich weiß es! Ich verfechte auch keine Ideologie. Denn für jede Art von Ismus ist es zu spät. Ich will auch nicht mehr ergebnisoffen diskutieren. Denn das notwendige Ergebnis steht doch längst fest: Wir müssen sofort aufhören, Kohle, Erdöl und Erdgas zu verbrennen.“

Jeder einzelne könne seinen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Aber klimafreundliches Verhalten würde in unserer Gesellschaft Nachteile bieten, höhere Kosten, mehr Zeitaufwand für Reisen, zusätzliche Bürokratie… Die Rahmenbedingungen müssten so geändert werden, dass klimafreundliches Verhalten in der Gesellschaft die Norm wird, weil es sich lohne. Nur dann würden nicht nur einige Enthusiasten das Klima schützen, sondern alle gemeinsam.

„Wir sind auf Baltrum aufgewachsen, und wir konnten hier gut aufwachsen, wir hatten eine schöne Kindheit und eine schöne Jugend auf der Insel“, richteten Keya und Liena Hinrichs quasi als Vertreterinnen der ansonsten nur zaghaft auftretenden Baltrumer Jugend ihr Wort an die Versammlung. Sie würden sich wünschen, wenn auch ihre Kinder und Enkelkinder eine schöne und sichere Zukunft auf der Insel erleben könnten. Diese sollten auch auf Sand am Strand laufen dürfen und nicht auf Mikroplastik. Mit einem nicht zitierfähigem Kraftwort schimpfte Liena auf die Politiker, falls diese jetzt nicht bald die richtigen Entscheidungen treffen, wenn sie das nicht endlich checken. Keya schloss mit einem Zitat von Marc-Uwe Kling: „Ja, wir könnten jetzt etwas gegen den Klimawandel tun, aber wenn wir in 50 Jahren feststellen würden, dass sich alle Wissenschaftler doch vertan haben und es gar keine Klimaerwärmung gibt, dann hätten wir völlig ohne Grund dafür gesorgt, dass man selbst in den Städten die Luft wieder atmen kann, dass die Flüsse nicht mehr giftig sind, dass Autos weder Krach machen noch stinken und dass wir nicht mehr abhängig sind von Diktatoren und deren Ölvorkommen. Da würden wir uns schön ärgern.“ 

Und auch die Eiländer von Baltrum meldeten sich mit Strandsongs zu Wort, unplugged und stromfrei, sodass die Versammlung im wahrsten Sinne des Wortes eng zusammenrückte. 

Zum Abschluss des Klima-Freitags gab es eine Abendandacht in der Alten Inselkirche, bei der nochmals die Bewahrung des Schöpfung aus christlicher Sicht beleuchtet und für sie gebetet wurde.


 

 

 


Autor: Sabine Hinrichs
Fotos: Hinrichs


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