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06.06.2019
Insel-Krimi – Spannendes aus der Steinzeit
„Unser Mann aus der Nordsee“
Hintergründe zum Fund des menschlichen Unterkiefers am Strand,
von Dr. Hartwig Henke
Spiekeroog
„Am Strand von Spiekeroog wird auf Höhe der Lietz-Schule der Unterkiefer eines Menschen gefunden.“ So könnte ein spannender Insel-Krimi beginnen. Ermittler nehmen sofort die Nachforschungen auf: Warum am Strand? Liegen da noch andere Knochen? Warum ist der Unterkiefer dunkelbraun? Menschen werden befragt: Wer hat was gesehen?
Aber die wahre Geschichte ist viel spannender. Sie ist kein schneller Tageskrimi. Dieser Unterkiefer ist nachweislich 7500 Jahre alt und stammt von einem etwa 40 Jahre alten Mann. Er ist nicht an dieser Stelle gestorben. Der Unterkiefer ist wie viele andere Fundstücke im Flutsaum weiter westlich durch die Erosion der Strömung in tieferen Schichten freigelegt worden, wie Brocken von Torf. Durch die West-Ost-Strömung wurde er nach Osten verfrachtet und blieb schließlich hier im Flutsaum liegen. Vermutlich bin ich nicht der Einzige, dem diese Informationen nicht genügen und noch mehr wissen will:
Wie und wo hat dieser Mann –„unser Mann aus der Nordsee” – gelebt? Wir wissen doch, dass Spiekeroog und seine Nachbarinseln erst seit dem 15. Jahrhundert besiedelt sind. Wir wissen auch, dass die Entwicklung der heutigen ostfriesischen Inseln von immer wieder überfluteten Sandplaten zu hochwasserfreien Strandwällen erst vor etwa 3000 Jahren eingesetzt hat. Dünen tragende Inseln sind hier bei uns nicht älter als 3000 Jahre. Vor 7500 Jahren gibt es hier also noch keine Inseln. Hier ist Festland – und nicht nur ein schmaler Küstenstreifen. Er hat eine Breite von bis zu 100 Kilometern und reicht vom Ärmelkanal bis Nordjütland. Dennoch ist er nur noch der beklagenswerte Rest eines einstmals viel größeren Gebietes: Es ist der Rest von „Doggerland“, einem günstigen Jagd- und Siedlungsgebiet für die Menschen der Steinzeit. Woher wissen wir das?
In den vergangenen 100 Jahren haben Fischer, besondes die von der englischen und schottischen Ostküste, Wissenschaftler und die in der Nordsee arbeitenden Ölfirmen eine Fülle von Material und Kenntnissen zusammengetragen. Demnach wissen wir heute ziemlich genau, dass wir am Ende der letzten Eiszeit – also vor etwa 15.000 Jahren – trockenen Fußes von Jütland zu den britischen Inseln hätten gehen können. Die Nordsee ist Festland. Die Engländer nennen es „Doggerland“, als Ableitung von „Doggerbank“, der heute noch vorhandenen Untiefe in der mittleren Nordsee. Die Grenze zum Nordatlantik verläuft von Nordjütland bis zu den Shetland-Inseln. England ist noch mit dem Kontinent verbunden. Doggerland ist von Wasserläufen durchzogen, den Verlängerungen der heutigen Flüsse auf dem Kontinent und in England. Es gibt einen großen Süßwassersee, auch Haff genannt, südlich der Doggerbank. Die Landschaft hat sich von arktischer Steppe und Tundra zu einer hügeligen Waldlandschaft mit Bächen, Sümpfen und Mooren entwickelt. Wie Forscher der britischen Royal Society 2012 in einem vorgelegten Atlas präsentieren, müssen wir uns Doggerland erheblich größer vorstellen, als bisher in Lehrbüchern dargestellt. Hunderte von Funden, wie Steinwerkzeuge, Harpunen, Baumwurzeln, Knochen großer Säugetiere und menschliche Knochen beweisen die lebendige Geschichte am heutigen Grund der Nordsee. Mit Hilfe von Blütenpollen lassen sich Rückschlüsse über den Bewuchs ziehen. Die Überreste ertrunkener Wälder, Moore und Tiere, aber auch die Spuren menschlicher Ansiedlungen belegen eindrucksvoll, dass heute von Wasser, Schlick und Watt geprägte Räume einmal besiedelt waren. Doggerland ist offensichtlich für die Vorfahren von „unserem Mann aus der Nordsee” sehr verlockend. Die Eiszeit ist vorüber, die Gletscher ziehen sich nach Norden zurück und die Menschen wandern hier wieder ein. Sie kommen von Süden, wohin sie sich während der Eiszeit für Jahrtausende zurückgezogen hatten. Hier in Doggerland lebt es sich erheblich einfacher. Hier kann man erfolgreich jagen, fischen, Früchte sammeln und Vorräte für den Winter anlegen. Archäologen bezeichnen es deshalb als das „wahre Herz Europas”. Dieses Gebiet muss sich den Menschen der Nacheiszeit wie ein „Garten Eden” dargestellt haben. Nun wissen wir aber auch, dass die gewaltigen Mengen Wasser, die während der letzten Eiszeit, der Weichselvereisung, in den Gletschern der Nord- und Südhalbkugel gebunden waren, stetig abgeschmolzen sind. Die Klimaänderungen, die zu den günstigen Lebensbedingungen geführt haben, sind gleichzeitig die Ursache für das nun ständige Ansteigen des Meeresspiegels. Der Nordseeraum ist auch damals schon – wie heute – ein Raum ständiger Veränderungen. Ihre heutige Gestalt erhält die Nordsee erst sehr lange nach der letzten Eiszeit. In den Phasen extremer Abkühlung, zuletzt vor etwa 40.000 – 50.000 Jahren, sinkt der Meeresspiegel bis zu 140 Meter tief ab. Als ein flaches Randmeer des Nordatlantiks fällt sie deshalb zum größten Teil trocken. Die Küstenlinie liegt damals 350 Kilometer nördlich der Doggerbank. Mit dem Abschmelzen der Eismassen steigt der Meeresspiegel wieder an. Die Nordsee kehrt in den fol-genden Jahrtausenden zurück. Vor etwa 14.000 Jahren begrenzt die Norwegische Rinne das noch weit vorgeschobene Festland. Mit dem wärmer werdenden Klima steigt der Meeresspiegel zunächst rasant an. Vor etwa 10.000 Jahren liegt der Meeresspiegel dennoch etwa 70 Meter tiefer als heute, und die Küstenlinie verläuft weit nördlich Dänemarks. Doggerland hat zu dieser Zeit eine Fläche von ungefähr 23.000 Quadratkilometern und bietet den Menschen der mittleren Steinzeit, im Mesolithikum, optimale Lebensbedingungen. Es gibt ein reichhaltiges Nahrungsangebot. Die Vorfahren unseres „Mannes aus der Nordsee” leben von pflanzlicher Nahrung, vom Fischfang und von der Jagd auf einzelne Beutetiere und nicht mehr wie in der Altsteinzeit von der Jagd auf Herden. Auch ihr Wohnverhalten hat sich verändert. Sie leben nicht mehr ausschließlich als dem Wild folgende Nomaden. Sie versammeln sich an saisonalen Wohnplätzen entlang von Wasserläufen und Küsten. Knapp 2000 Jahre später, vor ungefähr 8500 Jahren, liegt der Meeresspiegel inzwischen nur noch 40 Meter tiefer als heute. Obwohl sich der Anstieg zwar mehrfach verlangsamt hat, sind Doggerland und die Menschen aufs Äußerste bedroht. Nicht nur durch das Vordringen des Meeres und das ständige An-steigen des Meeresspiegels mit einer Geschwindigkeit von 1,25 Metern pro Jahrhundert.
„Unser Mann aus der Nordsee” verkörpert eine Zeitenwende mit dramatischen Ereignissen und einschneidenden Veränderungen: Doggerland geht unter und die Menschen ändern ihre Lebensweise.
Der Ärmelkanal bricht vor 8300 Jahren ein. Gewaltige Wasserfälle haben die aus Kalkgestein bestehende Landbrücke zwischen dem heutigen Dover und Calais schon über Jahrtausende hinweg zermürbt. Der riesige Stausee, der sich in der Südwestecke von Doggerland durch die Flüsse Rhein, Maas und Themse gebildet hat, kann nun auch in den Atlantik abfliessen. Gleichzeitg dringen nun auch Wassermassen aus dem Atlantik in das Nordseebecken. Ein Vorgang, der von einer Serie verheerender Sturmfluten begleitet wird. Es ist nicht nur die Landbrücke zerstört. Es bauen sich nun Strömungsverhältnisse auf, die die zukünftige südliche Nordsee und ihre Küste bilden und damit auch den Lebensraum „unseres Mannes aus der Nordsee”.
Die ansteigende Nordsee schluckt Sümpfe und Täler. Die Siedlungen werden zunehmend auf Anhöhen isoliert, weshalb heute die Sandbänke für Archäologen Fundgruben für die Hinterlassenschaften der Bewohner von Doggerland sind. Die Küsten Doggerlands werden überflutet und schließlich wird ihr höchstgelegenes, bis zu 90 Meter hohes Gebiet, zu einer Insel: die heutige Doggerbank. Sie ist eines der letzten Rückzugsgebiete der Menschen.
Der endgültige Untergang kommt plötzlich und mit tödlicher Wucht: Vor 8150 Jahren rollen Tsunamis über die Nordsee. Im Nordatlantik vor der Küste Norwegens, wo heute Trondheim und Bergen liegen, sind unterseeische Schlamm- und Geröllmassen von der Größe Islands abgerutscht. Auf einer Länge von über 800 Kilometern sind sie vom Flachwasserbereich etwa 1000 Meter in die Tiefsee gestürzt. Diese Storegga-Rutschung (norwegisch: große Kante) löst Flutwellen aus, die die Atlantikküsten Nordeuropas, die Nordsee und Doggerland erreichen. Die Riesenwellen von mindestens zehn bis zwölf Meter Höhe brechen an die Küsten, türmen sich bis zu 20 Meter hoch und strömen landeinwärts. Ärchäologen können die Spuren dieser Katastrophe nachweisen. Im Osten Schottlands hatte die Welle offensichtlich Menschen am Lagerfeuer überrascht. Dies zeigen 25 Zentimeter dicke Sandablagerungen auf ihrer Feuerstelle, die auf einer Anhöhe zehn Meter über dem Meer liegt. Auf Island, den Faröern, den Shetland-Inseln und in Norwegen liegen die Spuren der Verwüstung sogar noch höher. Dort krachen bis zu 20 Meter hohe Wellen an Land. Die Altersbestimmungen der Ablagerungen ergeben ein Alter von 8150 Jahren.
Am schlimmsten trifft es aber Doggerland. Geologen gehen heute davon aus, dass es komplett überschwemmt wird und weite Teile des sandigen Bodens von den Tsunamis weggespült werden. Die Storegga-Rutschung hat das Ende der Siedlungsgeschichte Doggerlands eingeleitet. Danach ragt nur noch ein kleiner Teil der Landschaft aus dem Wasser. Forscher meinen, dass spätestens vor 7500 Jahren Doggerland endgültig im Meer versunken ist. Dies alles haben „unser Mann aus der Nordsee” und seine direkten Vorfahren erlebt. Seine Vorfahren gehören zu den wenigen Menschen, die diese Katastrophen, die vielen Sturmfluten und das beständige Vordringen der Nordsee überlebt haben. Sie siedeln in der heutigen Küstenregion, die die Nordsee etwa vor 8000 Jahren erreicht hat. Die Grenze zwischen Land und Meer liegt etwa 20 Meter unter dem heutigen NN. Alte Geestkerne, die noch aus der Warmzeit vor der letzten Eiszeit stammen, überragen das Wattenmeer. Es bilden sich Sümpfe und Moore, aber auch Seemarschen. „Unser Mann aus der Nordsee” siedelt und ernährt sich mit seinem Stammesverband in einer Landschaft, die unserer heutigen sehr ähnlich ist. Die Untersuchung seines Unterkiefers und seiner Zähne zeigt uns nicht nur sein Alter von 40 Jahren. Er ernährt sich vom Fischfang, aber auch anderweitig. Der Zahnabrieb beweist, dass er auch von Steinmehl durchsetzte Getreideprodukte verzehrt. Man könnte also vermuten, dass er sich bereits im Übergang von einer vom Jagen und Sammeln bestimmten zu einer bäuerlichen Lebensform befindet. Vielleicht siedelt er auf dem ausgesüßten Uferwall eines Priels und betreibt neben dem Fischfang und der Jagd schon einen bescheidenen Ackerbau. Damit wäre er ein sehr fortschrittlicher Mensch, nämlich ein sehr früher Vertreter der Jungsteinzeit, des Neolithikums, in unserer Region. Endültig bestimmen lässt sich dies nur schwer, da sein Lebensraum heute etwa 20 bis 30 Meter unter dem Meeresspiegel liegt. Seine letzte Ruhestätte hat er seinerzeit in einem der vielen Moore gefunden. Die Strömung hat ihn 7500 Jahre später zu „unserem Mann aus der Nordsee” wieder auferstehen lassen.

Diese von Hartwig Henke bearbeitete Karte zeigt die Verschiebung der Küstenlinie zwischen 13000 v. Chr und 5500 v. Chr. – der Zeit, aus der der Unterkiefer vom Spiekerooger Strand stammt.
Dr. Hartwig Henke
Spiekerooger Inselbote Nr. 7 2019
Dr. Hartwig Henke war bis 2011 Leiter des Hermann-Lietz-Gymnasiums auf Spiekeroog
Autor: Sabine Hinrichs
Foto: Karte Henke
Quelle: Spiekerooger Inselbote Nr. 7
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