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10.06.2025

Auf hoher See


Zwischen den Theatertage-Jahren – Theater auf Baltrum

Immer eine Reise wert

 

Von Petra Wahed-Harms

 

Die Theatertage Anfang Mai diesen Jahres auf Baltrum sind gerade verklungen. Täglich Theater schauen, Theaterleute überall auf der Insel, alte Freunde wiedersehen und neue Freundschaften knüpfen, Fachsimpeln über die gerade erlebten Stücke und über die eigene Theaterarbeit abends bei einem (oder mehreren Getränken) im „Sturmeck“. Schön war’s. Wir sehen uns 2027 wieder. 

 

Zuhause bin ich noch angemeldet in der Baltrum App, die mir regelmäßig Mails schickt, und ich wäre gern auf der Insel beim Morgen-Yoga, beim Wattwandern oder den vielen anderen Veranstaltungen. Baltrum hat so viel me(e)hr zu bieten, zu dem man während der Amateurtheatertage erfahrungsgemäß aber kaum Zeit findet. Und da ist sie, die eine Nachricht, die mich triggert: Premiere der Inselbühne mit dem Stück „Auf hoher See“ von Slavomir Mrozek. ProSzenium hat das Stück 2017 bei den Amateurtheatertagen auf Baltrum gezeigt und bei der Inselbühne ist seither der Wunsch gereift, sich an diesen anspruchsvollen Einakter zu wagen. Einige Hürden mussten genommen werden. Doch trotz Corona-Krise und Suche nach der Regie und den passenden Schauspielern ist es schließlich gelungen.

 

Mein Mann Heinz-Günther und ich haben uns dann am Pfingstsonntag auf den Weg gemacht. Wie vertraut uns alles ist hier auf Baltrum! Das Wetter spielt mit, wir zuckeln mit unseren Koffern vom Fährhafen zur „Oase Baltrum“ ins Ostdorf, um dann gleich wieder aufzubrechen und einzutauchen in ein Dorffest mit Bratwurst, Bier und schmissiger Musik. Die Baltrumer wissen, wie man feiert. Und überall Plakate mit der Ankündigung für „Auf hoher See“. Wir sind schon total gespannt. 

In der Ankündigung heißt es: 

 

Es wird nicht lange gefackelt... in absurdem Tempo und mit grotesken Argumenten zeigen die Schaupieler der Inselbühne Baltrum, wie politikreifes Manipulieren geht:

Drei Schiffbrüchige auf einem Floß, die Lebensmittelvorräte sind aufgebraucht. Logisch: Einer der drei muss sich opfern, damit wenigstens die anderen beiden überleben können. Ein jeder versucht, den anderen zu überzeugen, dass ausgerechnet er gefressen werden müsse.

In pointierten Dialogen stellt ein Baltrumer Inselbühnen-Trio bzw.-Quartett die Lügen und Phrasen zur Schau, mit denen Menschen dazu gebracht werden, sich selbst mit bestem Wissen und Gewissen aufzugeben. Und natürlich geht es auch um verpasste Chancen und andere Unglücke und Unwägbarkeiten...

Es spielen mit: Torsten Moschner, Winfried Picard, Denis Metz und Uwe Friedrich. Regie führt Denis Metz.

Das Stück dauert nur knapp ein Stündchen, es gibt keine Pause. Dafür gibt es ein ausgelassenes Boarding ab 20 Uhr, damit alle auf Betriebstemperatur sind, wenn sich der Vorhang um 20.30 Uhr hebt.

 

Als wir ein bisschen nass durch den letzten Regenguss im Haus des Gastes ankommen, ist die Stimmung schon grandios, und der Saal füllt sich bis über die Hälfte. Das freut mich, denn das Stück ist keine leichte Kost, was erfahrungsgemäß nicht gerade die Zuschauermassen anzieht. 

 

Der Vorhang geht auf. Drei Männer im eleganten Abendanzug mit Fliege hängen teilnahmslos auf einem Floß herum. Schier endlose Stille, bis das Stück mit dem einen Satz, der die Handlung in der Folge bestimmt, Fahrt aufnimmt: „Ich habe Hunger“. Schnell geht’s zur Sache. Die Vorräte sind aufgebraucht, ergo ist das einzig Essbare an Board dieses trotzlosen schwimmenden Wracks Menschenfleisch, leider lebend. Nur wer soll jetzt gegessen werden? Verschiedene Auswahlverfahren werden ausprobiert und wieder verworfen. Die demokratische Wahl muss für ungültig erklärt werden, weil plötzlich 4 Stimmzettel in der Urne sind. Die Gerechtigkeit soll’s richten: Wer hatte ein glückliches Leben? Wer hatte Eltern? Wer hatte es besonders schwer? Und schnell wird deutlich, dass einer der Herren die Geschicke der anderen lenkt und manipuliert. Ein zweiter läuft mit und pflichtet ihm verlässlich bei. Am Ende deckt der den Tisch und wetzt das Messer im Auftrag des „Chefs“. Der Dritte im Bunde versucht noch mit allen Argumenten, die ihm in dieser Situation zur Verfügung stehen, seinen Kopf zu retten. Aber es scheint entschieden. Die Lage spitzt sich zu. Sie werden doch nicht …? Ein Gemetzel auf der Bühne …? Blutrausch und Verzehr von Menschenfleisch …? Da hört man eine Stimme auf dem Meer – erst schwach, dann immer deutlicher. Ein Postbote erklettert das Floß und überbringt eine Depesche. Der Postbote ist gebürtiger Schwabe und der Schauspieler schwäbelt seinen Part gekonnt. Das sorgt für erleichternde Lacher im Publikum, bis der Postbote wieder verschwindet. Warum wurde er nicht verspeist? Man hat sich anscheinend bereits festgelegt. Der Dritte im Bunde der Schiffbrüchigen soll sich freiwillig opfern, was ihn zu einem wahren Helden machen würde. Er bittet noch darum, eine letzte Rede über die Freiheit halten zu dürfen, die aber im Wetzen der Messer und im Drehen der Fleischwolfkurbel untergeht. Auch die zufällig gefundene Dose Kalbfleisch mit Erbsen ist nicht mehr wichtig. Sein Schicksal ist besiegelt. Das Licht geht aus. 

 

Das Publikum klatscht lange verdienten Beifall, und es gibt Blumen. Aber damit ist es nicht zu Ende. Das Stück wirkt nach. Bei den Zuschauern und bei uns im Besonderen. Vor gut zehn Jahren hat ProSzenium mit diesem Stück Premiere gefeiert, und vor dem Hintergrund der politischen Entwicklung der letzten Zeit löst es große Beklemmung und Angst aus, zeigt es doch, wie einfach es ist in Notsituationen Menschen zu manipulieren, zu Mitläufern zu machen oder zu Opfern zu degradieren. 

 

Liebe Inselbühne, Ihr habt es geschafft, mit einer Euch eigenen Leichtigkeit ein großartiges Stück Theater zu zeigen, habt dabei trotzdem nicht die Botschaft des Stückes verraten und habt uns mit eurer intensiven Spielweise einen wunderbaren Theaterabend beschert.

 

Tausend Dank dafür!

 

Petra Wahed-Harms / Heinz-Günther Harms


 

 

 


Autor: Sabine Hinrichs
Fotos: Heinz-Günther Harms
Quelle: Petra Wahed-Harms


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