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27.09.2021

Ricklef Wietjes


Ricklef Wietjes - ein Nachruf

 

Ein zünftiges, kraftvolles Halalie in der großen evangelischen Inselkirche, ein langes, würdiges Abschiedstuten der Baltrum III vor Nord auf See... am Mittag des 23. August 2021 war die ganze Insel auf den Beinen, um Abschied von Ricklef Wietjes zu nehmen.

 

Die Mittagsstunde war ihm heilig. Für den Baltrumer Hotelier Ricklef Wietjes gab es einige Prinzipien und Traditionen, die er lebte und wahrte. Als ältester Sohn in den Jahren des aufstrebenden (er hätte nie gesagt "boomenden") Tourismus in einen großen – den größten – Baltrumer Hotelbetrieb geboren, lag ihm das Metier im Blut. Er entschied sich nach dem Internatsabitur, Koch zu werden und lernte den Beruf von der Pike auf.

 

Ricklef liebte Ecken, Runden und Plätze. Wenn er nicht hinter dem Herd oder einem langen Tresen hin- und herlief, wo er in aller Seelenruhe zu hantieren und nebenbei die kompliziertesten Sachverhalte des Weltgeschehens erörtern wusste, wenn er auf ein eloquentes Gegenüber stieß, fand er Frieden abseits vom Trubel in einer Ecke, in seiner Ecke, an der Hotelbar, in der Kajüte, an der Sonnenuntergangsbude. Die Leute kamen gerne zu ihm. Immer viele.

 

Er drehte früher seine Runden auf dem Fahrrad, zur Jagd, die Hunderunde, einmal um die Strandmauer. Unterwegs traf er Gleichgesinnte und Freunde, Parteikollegen oder Mitstreiter, mit denen er, wenn es die Zeit erlaubte, intensiv diskutierte. Ricklef Wietjes war lange Zeit im Baltrumer Gemeinderat tätig, erst für die UBW, die Unabhängige Baltrumer Wählergemeinschaft, später für Baltrum 21.

 

Seine Frau Annette und er hatten lange warten müssen, bis sie das Strandhotel Wietjes richtig und ganz übernehmen konnten/durften. Fortan arbeiteten sie dafür, dass es das "erste Haus am Platze" blieb. Ricklef Wietjes sorgte umgekehrt auch dafür, dass die Plätze rund um das Hotel ihres Namens würdig wären, der große Dorfplatz, der Platz zur neuen Strandmauer, die kleine Parklandschaft nach Westen zwischen "Ferienhaus Wietjes" zum "Deichgrafen" hin, der neue Platz vor dem Südeingang des "Strandhotels". Ricklef hatte ein gutes Gespür für die Wünsche der Gäste, bot als erster auf der Insel regionale Spezialitäten außerhalb des heimischen Wildbrets an, Deichlamm, Salzwiesenkalb..., probierte neue Rezepte, kreierte raffinierte Menüs, Amuse-Geuls. Er liebte das Fachsimpeln mit seinen Kollegen vom DeHoGa vor Ort und anderswo. Ging mit der Zeit, konzentrierte sich auf das Wesentliche, ließ weg, was nicht mehr gut lief. Er investierte mutig in sein Hotel, gestaltete den großen Saal um, erneuerte die Zimmer, die Balkons, vieles, was man sieht, und noch mehr, was man nicht sieht. Neue Maschinen, auch eine moderne Mangel, weil die weiße Hotelwäsche am besten an der frischen Nordseeluft trocknet und gemangelte Bettwäsche unübertroffen ist. Er erfüllte sich einen großen Traum und erfand das Kochen für sich noch einmal ganz neu mit einer super modernen Küche. In diesem Jahr feiert das Traditionshaus seinen einhundertsten Geburtstag, ohne viel Brimborium, klug und freundlich – und der Zeit angemessen.

 

Ricklef Wietjes ging oft voran, wenn es um zukunftsweisende Projekte für die ganze Insel ging, spendete für Internet, W-LAN, Wetterstation, Winteröffnung im Sindbad usw. – es brachte nicht immer auf Dauer den erhofften Fortschritt und ihn mitunter zur Verzweiflung.

Er lobte u.a. auch das Foto des Jahres bei Baltrum-Online aus, richtete den Hotelbetrieb früh und vorbildlich auf die neuen Medien aus und wusste diese fortan gewinnbringend einzusetzen.


Er war Vorsitzender des Hegerings Baltrum und guter Freund in der Baltrumer Jägerschaft. Bei Gode Tied, dem Pflege- und Sozialverein der Insel saß er von Anfang an als Beisitzer mit im Boot, und für Institutionen, für die er selbst keine Zeit neben dem Betrieb hatte, gab er reichlich Spenden, der Freiwilligen Feuerwehr beispielsweise.

 

Der Baltrumer Winter wurde genutzt, sich von den Strapazen der Saison zu erholen, die er behutsam ausgedehnt hat, u.a. um auch Auszubildenden einen guten Platz zu ermöglichen. Immer schon war das Hotel der Ort, an dem abseits der Gästesaison die großen Inselfeiern stattfanden, der Nikolausball, das Grünkohlessen... Der Winter bot darüber hinaus Gelegenheit, die nötigen Investitionen zu tätigen, für das Hotel und für sich selbst. Gesundheitsurlaube, lange und kurze Tripps mit Freunden, Weltreisen – vieles unvergessen.

 

Die Saison auf einer Urlaubsinsel ist hart. Erholung tut not, die Mittagsstunde ist nötig, bei einem Fulltime-Job von früh morgens bis spät in die Nacht...

 

Ricklef Wietjes ist in der höchsten Hochsaison, am 14. August 2021, im Alter von 64 Jahren von uns gegangen, ein schwerer Schlag für die ganze Insel.


 

 

 


Autor: Sabine Hinrichs
Foto: privat