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23.01.2021

Sonderbare Schicksale


Bild des Tages

Tag 85 Lockdown 2

Baltrum im Januar

 

 

Wegebetrachtung

 

 

"Die Wege in und zwischen den Ortschaften sind noch tiefe

Sandfurchen. Zu Grassoden- oder Backsteinpfaden haben die Mittel

der erst kürzlich begründeten Badeverwaltung noch nicht genügt.

Nur der Badepfad ist streckenweise mit Brettern von angetriebenen

Fischkisten gefestigt. Einige Stellen, wo öfters gefahren wird, sind

mit abgeschnittenem Dünengrase (Helm) bestreut, welches den Sohlen

des Wanderers einigen Widerstand leistet. An anderen Stellen

haben intelligente Hausbesitzer die Wege ihres Grundstücks mit

blauen Miessmuscheln bestreut. Welche sonderbaren Schicksale

durchlaufen diese Muscheln! Im Wattenmeere geboren und gross

geworden, werden sie während der Wintermonate von der Bevölkerung

in Menge genossen, eine ziemlich zähe und schwere Speise — da

nur die im Frühjahre entwickelten Geschlechtsdrüsen zart sind und

eigentlich nur sie gegessen werden sollten. Im Frühjahre werden

andere grössere Mengen der Miessmuscheln in die Gemüsegärten

gefahren und als Dünger untergegraben. Nachdem die Thiere verwest

sind, müssen aber die Schalen wieder aus dem Boden herausgeharkt

werden. Sie sind nämlich fast unverweslich und würden daher auf

die Dauer den Boden verderben. Diese Schalen geben nun ein

treffliches Wegematerial ab, obwohl sie von unverhärteten, nackten

Fusssohlen oft genug schmerzlich empfunden werden mögen. Der

Badegast sucht aber, wenn irgend möglich, auf dem bewachsenen

Grünlande zu wandeln. Bei Streiftouren durch die Dünengebiete

ist freilich das Waten in tiefem Sande auf keiner der Ostfriesischen

Inseln zu vermeiden. Bei einiger Übung lernt man aber auch hier,

die tiefsten Stellen zu vermeiden und sich auf der relativ am

dichtesten bewachsenen Region zu bewegen."

 

Baltrum. 

Von Franz Buchenau, 1901


 

 

 


Autor: Sabine Hinrichs
Foto: Sabine Hinrichs
Quelle: Biodiversity Heritage Library