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18.01.2006
Küstenschutz im Modellversuch, Teil 2
Eigentlich wähnten sich die Baltrumer in Sicherheit:
Spätestens seit dem Deichbau im Süden der Insel Anfang der 90-er Jahre und der Verstärkung des Deckwerkes im Norden der Insel vermutete man ausreichend Schutz vor dem Blanken Hans von allen Seiten. Waren doch die Küstenschützer auf der Insel immer am Ball geblieben, hatten marode Buhnen saniert, das Bollwerk im Nordwesten der Insel in Schuss gehalten, die Insel oft besucht und etwaige Schäden an allen Küstenschutzwerken immer gleich behoben.

Lageplan der Profile am Baltrumer Westkopf
Einzig das in die Jahre gekommene Deckwerk im Nordwesten, das alte S-Profil, wo die Wellen bei höherem Wasser so schön hoch spritzen und den Urlaubern mit Getöse so recht die Gewalt der Nordsee zeigen, ist hier und dort brüchig, die Platten nicht gerade, Löcher, Risse und Kanten zu sehen. Die Küstenschützer vom NLWKN (Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz) konnten immer beruhigen: Das Bauwerk als solches erfülle seinen Zweck. Die Löcher wurden geflickt.
Dennoch: seit ein paar Jahren sollte die Sanierung des gesamten Westkopfes in Angriff genommen werden.
Die Buhnen waren zunächst wichtiger, in den vergangenen Jahren wurden viele nach modernsten Methoden grundinstant-gesetzt. In diesem neuen Jahr 2006 ist die Buhne K auf Baltrum dran, direkt am Badestrand.

Aufbau Profil B (Nordstrand)
Nachdem die Nachbarinsel Norderney ein neues Deckwerk bekommen hat und man dadurch auch ausreichend Erfahrung nicht nur mit der Umsetzung und Ausführung einer gewaltigen Baustelle mitten in einem Urlaubsgebiet gewonnen hat, sondern auch ganz neue Kenntnisse wissenschaftlicher Art: Wellenauflauf, Wasserstände und Auswirkungen bei einer Sturmflut wurden dort erstmalig in einem Modellversuch mit modernster Messtechnik untersucht, die Ergebnisse beim Bau der neuen Strandmauer auf Norderney berücksichtigt - da schwenkte das Augenmerk auf das eigentliche Schutzwerk der kleinsten Ostfriesischen Insel: Die Strandmauer im Norden.
Zu vermuten war, dass die 1973 errichtete Betonmauer nicht mehr sicher sei - die geographischen und topographischen Verhältnisse sind bei den beiden Nachbarinseln doch ganz ähnlich. Der NLWKN erkannte ein Sicherheitsdefizit und sah Handlungsbedarf. Er gab eine Untersuchung für Baltrum in Auftrag: In den Tagen vor Weihnachten haben Mitarbeiter des Lichtweiß-Intitutes für Wasserbau unter der Leitung von Dr.-Ing. Andreas Kortenhaus ein Stück Baltrumer Strandmauer im Größenverhältnis 1:10 im "kleinen Wellenkanal" aufgebaut und die Auswirkungen verschiedener Szenarien untersucht. Der "große Bruder" des Braunschweiger Versuchskanals steht in Hannover und ist mit 330 Metern der größte in Europa. Dort wurde die Norderneyer Mauer den möglichen Belastungen ausgesetzt.
Beim Versuchsaufbau in Braunschweig werden sowohl die Profile am Nordstrand wie auch am Weststrand untersucht - nicht jeder einzelne Stein müsse berücksichtigt werden bei der Größe der Aufgabe, so Kortenhaus. Ebenso wenig relevant sei der Transport von Gischt durch den Wind bei den untersuchten Wasserständen bzw. Sturmfluten. Eisgang spiele im Norden der Insel bei den Warmfronten der Stürme keine Rolle. Die Hauptwindrichtung der Stürme Süd-West sei für den Wellenauflauf nicht entscheidend, die Wellen schwenkten immer parallel zur Küste ein, orientierten sich an den Tiefenlinien und träfen mit voller Wucht am Nordstrand auf, die Belastung durch Wellen sei am Nordstrand viel höher als am Weststrand - die Baltrumer hatten viele Fragen bei ihrem Besuch im Lichtweiß-Institut vergangenen Mittwoch.
"Es hat sich bereits aus den ersten Versuchen herausgestellt, dass die bestehende Mauer von 1973 den Anforderungen bei den künftig zu vermutenden Stürmen nicht stand halten würde und ein Ausbaubedarf besteht", erläuterte Frank Thorenz bei der Demonstration in der Wasserbauhalle des LWI am 11. Januar.
Dass jedoch so viel Wasser, wie in den Versuchen demonstriert, über die Mauer in das Dorf laufen würde, hätten die Abgeordneten von der Insel Baltrum nicht gedacht. Anhand von Computerdaten waren Sturmfluten mit den entsprechenden Wasserständen und Wellen von 1962 nachgestellt worden sowie eine angenommene Sturmflut mit einem Pegel von 5,10 Meter über Normalnull (dem Wasserstand, für den auch die Deiche ausgelegt sind). Der höchste gemessene Wasserstand auf Baltrum trat mit ca 4,1 Meter bei der Sturmflut im Jahr 1962 auf.
Gemessen werden beim Versuch Wellenhöhe, Wellendruck, Wellenüberlauf und die Belastung der Strandmauer - mit diesen Voruntersuchungen werden verlässliche Grundlagen für die Verstärkung der Küstenschutzanlagen am Westkopf von Baltrum geschaffen, so der NLWKN.
Für den Westkopf mit dem S-Profil aus den Jahren 1926-28 sind mehrere Versuche nötig: Dort ist der Druck nicht mehr so groß, aber an jeder Stelle anders. Deshalb wurde beim Versuch und wird wohl auch in Realität zunächst einmal die Nordseite "in Angriff" genommen.
"Niedrige" Wellen bei einem Wasserstand von 4,12 m über NN:

Bedingung von 1962: Hohe Wellen bei 4,12 m über NN:

Schlimmster Fall (worst case): 5,20 m über NN:

Autor: Sabine Hinrichs
Fotos: Hinrichs
Quellen: LWI und NLWKN
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