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News

11.11.2020

Nachruf


Inselfreunde Baltrum e.V.

 

Abschied von Tante Anneliese

 

Die Nachricht berührt und dreht die Uhr zurück in eine andere Zeit: 1945, Deutschland am Tiefpunkt, schuldig, zerrissen, zerstört.

Eine junge Gymnastiklehrerin steht für den Neuanfang auf der im Dornröschenschlaf liegenden Insel Baltrum. Strandturnen, Strandsingen, Burgenwettbewerb, Laternenumzug, Tennisball…

 

Tante Anneliese prägt das Inselleben während der sechswöchigen Sommerferien ihres nach dem Weltkrieg neu geschaffenen Bundeslandes Nordrhein-Westfalen. Sie schließt für diese Zeit ihr Gymnastikstudio in Iserlohn und übernimmt die Regie bei allen wichtigen Veranstaltungen auf der Insel. Ihre ermunternde Stimme, stets anspornend und beflügelnd; ihre Lebensfreude, ausgedrückt durch mannigfache persönliche Zuwendung zugunsten der Bewegung von Körper und Stimmbändern als Grundlage für Selbstbestimmung und Atemtiefe.

 

Zwar holte sie meist junge Vorturnerinnen auf ihr Podest, um die verschiedenen Übungen dann mit dem Akkordeon zu begleiten, der Verfasser fand im Fotoalbum aus dem Jahr 1976 jedoch ein Bild vom eigenen Auftritt dort. Tante Anneliese förderte eben früh die Hinwendung zur körpergerechten Lebensführung auch bei der Minderheit männlicher Teilnehmer…

 

In den Jahren nach ihrem letzten Dünensingen (August 1988, s. Foto!) besuchte sie regelmäßig die Insel, zuletzt vollständig erblindet, und erinnerte sich im Gespräch an ungezählte langjährige Kontakte. 10:00 Uhr Gymnastik bei Wind und Wetter im Stehen und Liegen, 10:45 Uhr Singen: „Komm´ liebe Sonne scheine, lass´ uns nicht ganz alleine, hell durch die Wolken sende deinen Glanz!“ Anschließend Kinderturnen und das täglich außer sonntags. Eine unvergessene Zeit!

 

Nun ist ihre glockenhelle Stimme für immer verstummt, doch ihr Einfluss bleibt.

 

Klaus Harms

 


 

 

 


Autor: Klaus Harms, Inselfreunde Baltrum e.V.
Foto: Klaus Harms