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14.12.2016
Von Pilgrims, Branntweinfischen und Rauelbauken
Buch zur Sprache der Küstenfischer in Niedersachsen erschienen
Der Sprachwissenschaftler Professor Klaus Siewert hat in Zusammenarbeit mit der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer und mit finanzieller Unterstützung durch die Niedersächsische Wattenmeerstiftung ein Buch über Geschichte und Sprache der niedersächsischen Küstenfischer veröffentlicht, das er heute in Neuharlingersiel vorstellte.
Das Buch beruht auf Befragungen von Fischern und Gewährsleuten an der niedersächsischen Küste und der Auswertung der einschlägigen Literatur. Die Ergebnisse sind im Kern in einem Wörterbuch niedergelegt, das die Grundlage der sprachlichen Auswertung ist. Umgebende Kapitel zur Geschichte der Küstenfischerei und zum Umwelt- und Naturschutz tragen der Verbindung dieser besonderen Sprache mit der Geschichte der Küstenfischerei und den mit der Küstenfischerei bis heute verbundenen Bemühungen um Umwelt- und Naturschutz Rechnung.
Seit Jahrhunderten haben die Fischer an der ostfriesischen Nordseeküste besondere Begriffe in ihrem Wortschatz, die für die Besucher der Region, aber auch für die Einheimischen nicht immer verständlich sind. Diese Fachwörter sind nicht einfach dem ostfriesischen Platt zuzurechnen, sondern bilden einen eigenen Sprachschatz. Sie hängen zusammen mit alten, heute längst aufgegebenen Methoden des Fischfangs, oder sie stammen aus der modernen Welt der heutigen Küstenfischerei. Mit diesem Buch soll der Sprachschatz bewahrt und Interesse geweckt werden für die faszinierende Welt der Küstenfischerei, verbunden mit der Hoffnung, dass die Sprache der Fischer auch künftig auf den Kuttern zu hören sein wird.
Heutzutage ist die Küstenfischerei in Niedersachsen durch teilweise schwer umsetzbare EU-Gesetze und Veränderungen im Wattenmeer bedroht. Andererseits sind mit der Erklärung des Wattenmeeres zum UNESCO Weltnaturerbe 2009 und dem Zusammenwirken der Fischer mit der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer, die unter anderem für Regelungen von Nutzungen in der Fischerei zuständig ist, auch gute neue Rahmenbedingungen für die Zukunft gegeben.
Textauszug:
Jeder Fachwortschatz gewinnt sein besonderes Profil durch Wörter, die einerseits einmalig sind und – über die fachspezifischen Inhalte hinaus – etwas von der Identität, Mentalität, dem Brauchtum und der Geschichte der Sprechergemeinschaft durchscheinen lassen. Bei genauem Hinsehen sind sie auch im Fachwortschatz der ostfriesischen Fischer zu finden. Hier künden sie
· von Bräuchen: Branntweinfische `diejenigen Fische, die beim Schellfischfang den Beifang bildeten. Er musste vom Händler nicht bezahlt werden. Dieser hatte aber dafür die Pflicht, die Fischer bei der Ablieferung mit Brot und Branntwein zu versorgen´,
· von verhaltener Sozialkritik: Goldfischer, spöttische Bezeichnung der Berufsfischer für diejenigen Gelegenheitsfischer, die die Lachsfangsaison an der Elbe für einen gut bezahlten Nebenverdienst nutzen,
· von Verkaufsstrategien, die über das Wort gleichzeitig eine das Urteilsvermögen des Käufers betreffende Geringschätzung transportieren: dafür steht Kaiserscholle als beschönigende Bezeichnung für die Flunder; der Name wurde entwickelt, um einen ansonsten schwer zu vermarktenden Fisch besser verkaufen zu können,
· von Anspielungen auf biblische, mit der Welt der Fischer verbundene Geschichten und auf religiöse Gemeinschaften: Tobiaswade zur Bezeichnung eines Fangnetzes für Köderfische; in seinem ersten Bestandteil spielt das Wort auf die alttestamentliche Geschichte des Tobias an, der am Ufer des Tigris von einem großen Fisch bedroht wird. Pilgrims für die Bezeichnung von Hummern, die beim Herauslösen aus dem Netz ihre Scheren verloren haben und damit gewissermaßen wehrlos geworden sind; die zentrale religiöse Überzeugung der Pilgrimfathers, die vor ihrer Auswanderung 1620 nach Neuengland in dem Gebiet um Leiden siedelten und auch in Ostfriesland unterwegs waren, bestand in dem Gebot der absoluten Gewaltlosigkeit,
· von der Geschichte der Gemeinschaft der Fischer selbst: dafür steht das Wort Kameruner, das eine kleine, untermaßige Seezunge bezeichnet. Der Name geht auf die ehemalige deutsche Kolonie (1884-1919) Kamerun zurück, an deren Küste im fischreichen Golf von Guinea die kolonialen deutschen Fischer auch untermaßige Seezungen abfischten. Von den Fischern in Ostfriesland als Tarnwort beim Verkauf der kleinen Seezungen von Bord gebräuchlich,
· von Humor, wenn es etwa um den unliebsamen Schriftkram und schmerzhafte Kosten ging: als rauelbauk `Rohölbuch´ wurde das Tankbuch bezeichnet, in das die Fischer Tag für Tag Ankauf und Verbrauch von Diesel und Schmierölen eintragen mussten.
Solche Profilwörter geben der Fachsprache der Küstenfischer in Niedersachsen ihr besonderes Gepräge. Sie sind allesamt von der Sprechergemeinschaft erfunden und gebildet worden und künden von der Kreativität und von dem Humor der Menschen, zu deren Fachsprache sie gehören. Einige dieser Wörter, wie etwa Pilgrims und Tobiaswaden, konnte keiner der Fischer mehr erklären, andere, wie Kameruner, sind in ihrer Bezeichnungsfunktionen noch heute bekannt, die Geschichte und Motivation der Bildung des Wortes war indessen weithin vergessen.
Klaus Siewert
1954 in Minden in Westfalen geboren. Lebt heute in Münster/Westf. und an der Nordseeküste. Studium der Germanistik, Geschichte, Philosophie und Pädagogik. 1984 Promotion zum Dr. phil., 1998 Habilitation zum Professor. Professuren an den Universitäten Darmstadt und Paderborn. Lehrbefugnis: Deutsche Sprachwissenschaft/Deutsche Philologie. Autor von Büchern zur Deutschen Sprachgeschichte, zu Sonder-, Fach- und Geheimsprachen.
Klaus Siewert, Küstenfischer in Niedersachsen. Geschichte, Sprache und Natur.
gebunden, 224 S. mit zahlreichen Abbildungen, ISBN 978-3-939211-00-6, 26,00 €
Im Buchhandel und beim Verlag erhältlich, geheimsprachenverlag@gmx.de
Autor: Sabine Hinrichs
Fotos: NLPV / privat
Quelle: Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer
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