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10.01.2019

Geschichten - Gerald Malyschs Alpenquerung


Von der Waterkant ins Alpenland

Gerald Malysch 08.08.2018 bis 02.09.2018
(Meeting 08:00 Marienplatz München/ Wanderung nach Venedig)



Das Jahr 2018 neigt sich dem Ende entgegen.
Es ist für Viele an der Zeit, und so auch in meiner Familie, einen Jahresrückblick zu halten.
Für mich war es schon ein besonderes Jahr – das Jahr 2018, wenn die 60 Lebensjahre vollbracht sind und man unweigerlich in der zweiten Hälfte des Lebens angekommen ist.
Zu Beginn des Jahres erhielt ich von meiner Frau ein zielweisendes Geschenk zum Geburtstag – einen Wanderrucksack (40 + 10 l) in Ergänzung schon vorhandener und gut eingelaufener Wanderschuhe. So inspiriert, war eine längere Wanderung mit fortlaufendem Selbstfindungsprozess naheliegend.

Doch zuvor wartete, wie bereits die vergangenen 20 Jahre zuvor, eine ehrenamtliche Tätigkeit beim Zentralen Wasserrettungsdienstes Küste auf mich – als Wachleiter der DLRG auf Baltrum. Der Sommer startete mit außergewöhnlichen Temperaturen und tropischen Gefühlen, die einen Karibikurlaub überflüssig machten. So galt es vielen Urlaubern erst einmal im und am Wasser Sicherheit und medizinische Versorgung zu vermitteln. Mein Wasserretter-Einsatz im Juli gestaltete sich wie üblich positiv in Zusammenarbeit mit der Kurverwaltung, und alle Aufgaben wurden in bewährter Form realisiert. Nach ordnungsgemäßer Übergabe an die folgende Wach-Crew des Wasserrettungsdienstes spülte mich die Nordsee wieder zügig an Land. Auf dem Heimweg reifte dann der Gedanke der Alpenwanderung oder vielleicht sogar -querung vollends aus.

"Nich snakken - topakken" - sagen die Norddeutschen.
Plane Deine Tour, aber lass Dir noch genug Freiheiten!



Es gibt bekanntlich viele Wege, die nach Rom führen – doch mein Ziel war es, alleine von München nach Venedig von Hütte zu Hütte auf dem Traumpfad zu wandern.
Bis zum 08.08.18 um 08:00 Uhr zum alljährlichen Start auf dem Marienplatz in München war nur noch eine Woche Zeit. Da hieß es dann fix die Ausrüstung zusammenpacken und den Rucksack auf max. 13 Kg zu trimmen. Neben Wanderschuhen, Trekkingstöcken, Kartenmaterial, galt es auch noch, einen genauen Tourenplan fertigzustellen. Nicht überall gibt es Internetempfang oder eine Smartverbindung. Eine gute gesundheitliche Konstitution und eine ausgeprägte Kondition waren meine Grundvoraussetzungen zur Bewältigung der Tour - dem Traumpfad. Neben der physischen Vorbereitung spielte jedoch die psychische Seite eine wesentlichere Rolle. Der vorgesehene Zeitfaktor von vier Wochen und der schnelle Klimawechsel taten ein Übriges. Da kamen mir im ICE nach München als sogenannten "Flachlandtiroler" dann schon ein paar Bedenken...



So stand ich dann am 8.8.18 / 8:00 Uhr MESZ / bei 33 Grad auf dem Marienplatz in München mit einem unbequemen Begleiter auf dem Rücken (der hieß Rucksack 14 Kg incl. zweier aufgefüllten PET-Wasserflaschen). Nach einer Woche habe ich diesen nicht mehr so wahrgenommen sondern eher wie einen Rest Zivilisation aus der Heimat.
In vier Teilabschnitten (Voralpen mit Karwendelgebirge – Tirol – Südtirol mit Dolomiten – Piave Ebene) bewältigte ich den Traumpfad. Unterwegs lernte ich viele neue Freunde kennen und erfuhr wichtige Tour-Regeln von erfahrenen Bergführern. Einer blieb mir besonders in Erinnerung – er sagte immer, wenn es schwer fiel, in der Regel also immer bergauf: "Nix wird gefahren – alles wird gelaufen!" Er hieß Guido und kam aus St. Gallen (CH). Wir lernten uns auf dem Traumpfad kennen und liefen einige Etappen gemeinsam. Es ging so von Hütte zu Hütte, die Tagesetappen wurden am Vorabend besprochen und am darauffolgenden Tag in die Tat umgesetzt. So wurden alle Verkehrsmittel während der Tour vermieden, und die muskulären Disbalancen meldeten sich regelmäßig.





Ich gelangte so am 02.09.18 wohlbehalten auf dem Markusplatz in Venedig an. Es war dann ein unbeschreibliches und überwältigendes Gefühl, die über 550 Kilometer und 2.000 Höhenmeter geschafft zu haben! Genau genommen wie Hannibal, nur rückwärts und ohne Elefanten, sagten meine neu kennengelernten Bergkameraden. Alle Anstrengungen waren nun vergessen. Meine früher gelaufenen Marathons waren nicht vergleichbar mit diesem fast Vierwochenmarathon.



Der Rückweg nach Hamburg erfolgte nach einem Tag Venedig-Aufenthalt mit einem modernen Hilfsmittel der Menschen heutzutage – dem Flugzeug in anderthalb Stunden. Deshalb verspürte ich auch etwas Traurigkeit über den Alpen, wo ich dreieinhalb Wochen lang neue Erfahrungen, Freunde und Lebenseinstellungen gewonnen hatte. Der Abschied von der neuen, einfach unbeschwerten und naturverbundenen Welt war mir nicht so leicht gefallen.

Meine Frau und Familie nahmen mich "Einsiedler" nach den fast vier Wochen wieder in ihren Kreis der Zivilisation auf, und nach einigen Erzählungen fiel mir auf, dass sich die Menschen in der heutigen schnelllebigen Welt keine Zeit mehr nehmen, oder haben sich mit den einfachen Dingen des Lebens zu beschäftigen und auszukommen.

Die Nachwirkungen hielten bei mir etwa bis Weihnachten vor. Nun bin ich wieder "normal" und bekomme täglich etwa 30 Emails und 100 andere Informationen und Nachrichten, die ich eigentlich auf meinem Traumpfad nicht unbedingt vermisst habe.

Nun werde ich im Jahr 2019, wenn es die Zeit und Gesundheit erlauben, meine Wandertouren fortsetzen. Beginnen werde ich sie jedoch zum Einlaufen, wie jedes Jahr auf Baltrum - denn da bin ich ja "Balt rum ".

Finde DEINEN Traumpfad 2019!

Gerals Malysch 12/2018

 

 

 


Autor: Sabine Hinrichs
Fotos: Malysch
Quelle: Gerald Malysch