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26.07.2019
Schnellflieger
Uferschnepfe fliegt in Rekordzeit ins Überwinterungsgebiet
Sender des LIFE-Projekts „Wiesenvögel" dokumentiert Ankunft in Mali
Eine junge Uferschnepfe namens „Christiansieneson" hat die mehr als 4.100 Kilometer vom Dümmer ins afrikanische Überwinterungsgebiet, das Innere Nigerdelta in Mali, in Rekordzeit und quasi in einem Rutsch geschafft. Das ergab die Auswertung eines Satellitensenders, den der Jungvogel als eine von 25 Uferschnepfen im Rahmen des LIFE-Projekts „Wiesenvögel" erhalten hatte. Für die Betreuung des Projekts ist der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) verantwortlich. Seit 2018 wurden am Dümmer im Rahmen des LIFE-Projekts „Wiesenvögel" 25 Uferschnepfen mit Satellitensendern ausgerüstet. Sie sind mit fünf Gramm äußerst leicht und werden wie ein Rucksack getragen.
Anders als die meisten seiner Artgenossen flog „Christiansieneson" die Strecke ohne längere Zwischenstopps und nahm auch nicht die „klassische" Zugroute anderer Sendervögel. Noch am 15. Juli wurde der Jungvogel zur Mittagszeit im Brutgebiet geortet, am 16. Juli überflog er bereits Algerien. Knapp 55 Stunden nach seinem Aufbruch am Dümmer erreichte er schließlich das Innere Nigerdelta in Mali. „Christiansieneson" flog damit durchschnittlich 74 Kilometer pro Stunde.
Auf dem Zugweg und im Brutgebiet senden die Sender Informationen zur Raumnutzung als Mauser-, Schlaf- oder Sammelplatz und zeigen die Bedeutung der unterschiedlichen Rastgebiete auf. Basierend auf diesen Daten möchte das Projektteam auch Anhaltspunkte zu Gefährdungen außerhalb Deutschlands gewinnen. Auf einer Web-basierten Karte unter http://www.wiesenvoegel-life.de/kingofthemeadow.html können die jeweils aktuellen Aufenthaltsorte in „Echtzeit" nachverfolgt werden.
Die Auswertung der 2019 im EU-Vogelschutzgebiet Dümmer mit Satellitensender ausgestatteten Vögel zeigt, dass diese deutlich später als die 2018 besenderten Artgenossen aus dem Brutgebiet abziehen. „Dies ist nicht einfach zu erklären und kann unterschiedliche Gründe haben. Möglich wären aber eine gute Nahrungsverfügbarkeit, durch gezielte Aufstauung lange überflutete Flächen, die im trockenen Sommer ein gutes Rast- und Nahrungsgebiet darstellen oder weniger Störungen durch Prädatoren", sagt Christopher Marlow, Doktorand von der Universität Oldenburg, der die Sendervögel im Auftrag des LIFE-Projekts untersucht. Gezeigt hat sich außerdem, dass die diesjährigen Tiere keinen Stopp in den niederländischen Rastgebieten einlegten, völlig anders als im Vorjahr. Woran dies liegt, darüber kann bisher nur spekuliert werden, möglicherweise hat dies mit dem längeren Aufenthalt im Brutgebiet zu tun. Zukünftig erhofft sich Heinrich Belting, Projektleiter des LIFE-Projekts „Wiesenvögel" und Mitarbeiter des NLWKN in der Naturschutzstation Hüde, eine noch intensivere Kooperation mit den niederländischen Kollegen, um solche Zusammenhänge besser erklären zu können.
Die anderen besenderten Jungvögel rasten aktuell noch in Westfrankreich und Spanien. In diesen Gebieten, darunter der Nationalpark „Coto de Doñana" in Südspanien, rasteten auch ein Großteil der 2018 und 2019 besenderten Altvögel. Die Satellitendaten zeigen außerdem, dass die Uferschnepfen in geeigneten Rastgebieten über einen Monat Zwischenrast einlegen können, bis sie weiterfliegen. Die meisten Langstreckenzieher legen je nach Situation Stopps ein, um die verbrauchten Fettreserven zu erneuern und um zu ruhen. In der Nacht wird dann der Vogelzug wieder aufgenommen.
LIFE-Projekt „Wiesenvögel"
Niedersachsen ist das wichtigste „Wiesenvogelland" Deutschlands. Hier brüten hohe Anteile der gesamtdeutschen Brutbestände von beispielsweise Uferschnepfe, Kiebitz, Brachvogel, Rotschenkel, Bekassine und Wachtelkönig. Daher hat das Bundesland auch eine besondere Verantwortung für deren Schutz, nicht nur in Niedersachen und Deutschland, sondern auch in Europa. Dies gilt besonders für die Uferschnepfe. Die westliche Population hat in Europa nur ein sehr kleines Brutverbreitungsgebiet. In den Niederlanden und im westlichen Niedersachsen befinden sich zusammen über 90 Prozent aller Brutpaare dieser Population.
Mit dem Ende 2011 genehmigten LIFE+-Projekt stellt sich das Land Niedersachsen dieser Verantwortung mit Hilfe der Europäischen Union (EU). Bei einem Gesamtvolumen von 22,3 Millionen Euro ist das auf neun Jahre angelegte Projekt das bislang größte Naturschutz-Projekt aus dem LIFE+-Programm der EU in Deutschland. Die EU fördert das Projekt mit 60 Prozent, also rund 13,5 Millionen Euro. 40 Prozent der Kosten trägt das Land Niedersachsen. Auch der Landkreis Leer und die Naturschutzstiftung des Landkreises Emsland beteiligen sich finanziell.
In den kommenden neun Jahren sollen mit diesem neuen Naturschutzprojekt die Kernflächen der Wiesenvogelschutzgebiete Niedersachsens speziell für die heimischen Wiesenvögel entwickelt und gesichert werden. Diese Flächen liegen vor allem in den Landkreisen Wesermarsch, Leer, Aurich, Emsland, Cloppenburg, Vechta, den kreisfreien Städten Emden und Oldenburg sowie an der Unterelbe in Cuxhaven und Stade. Die speziellen Schutzmaßnahmen sind notwendig, da die Bestände der Wiesenvogel-Arten in den letzten Jahrzehnten stark abgenommen haben. Hauptursache für den Rückgang der Wiesenvögel ist der agrarstrukturelle Wandel der vergangenen Jahrzehnte. Ein weiterer Faktor ist die Flächenentwässerung, denn die meisten Vögel dieser Art benötigen zu Brutbeginn im Frühjahr feuchte und nasse Flächen - für manche müssen Brutgebiete sogar unter Wasser stehen. Derartige Verhältnisse finden sich heute nur noch in sehr wenigen Schutzgebieten.
Mit der Durchführung hat das Niedersächsische Umweltministerium den Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) betraut. Als Partner sind die Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer, das Baltic Environmental Forum Deutschland e. V. sowie die niederländische Naturschutzvereinigung Natuurmonumenten beteiligt.
Link -> Wiesenvogel LIFE
Autor: Sabine Hinrichs
Foto: Screenshot Wiesenvogel-LIFE
Quelle: NLWKN
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